Verzerrungen
Ein illustriertes Essay über kognitive Verzerrungen im Gestaltungsprozess
Problem
Die meisten Menschen denken, dass sie ein sachliches Weltbild besitzen, sich differenzierte Meinungen bilden und rationale Entscheidungen treffen. Aus ihrer subjektiven Perspektive erscheint diese Selbsteinschätzung durchaus berechtigt. Jedoch ist den wenigsten bewusst, dass das menschliche Denken systematischen und vorhersagbaren Fehlern unterliegt – den kognitiven Verzerrungen. Das Tückische an kognitiven Verzerrungen ist, dass sie oft unbemerkt bleiben und Menschen dieselben Fehler immer wieder wiederholen, ohne daraus zu lernen.
Lösung
Kognitive Verzerrungen sind klassische Phänomene menschlicher Urteilsbildung und Entscheidungsfindung. Gestaltung ist einerseits geprägt von ständigen Entscheidungsprozessen und andererseits zielt Gestaltung oftmals darauf ab, Menschen zu Entscheidungen zu motivieren (oder davon abzuhalten) – daher möchte ich sie aus einer gestalterischen Perspektive betrachten. Der Fokus liegt darauf, eigene Erfahrungen und Beobachtungen aus dem Designalltag mit den Denkfehlern in Verbindung zu bringen, um dadurch die Herausforderungen und Möglichkeiten der Gestaltungspraxis zu reflektieren und besser zu verstehen.

In der Designpraxis offenbart sich der Confirmation Bias oft subtil. Wenn zum Beispiel Nutzer- und Nutzerinnentests zeigen, dass das Design nicht zielführend ist, neigen Gestalter oder Gestalterinnen dazu, die Ergebnisse zu relativieren: ‚Die Testgruppe war nicht repräsentativ.‘ Oder es werden einzelne Meinungen überbewertet: ‚Meine Kollegin hat sich gut zurechtgefunden.‘ Auch wenn es mental anstrengend sein kann und bedeutet, aus der persönlichen Komfortzone herauszukommen, kann es für das Ergebnis sinnvoll sein, die Kritik anzunehmen oder den ‚Advocatus Diaboli‘ einzunehmen und bewusst nach Problemen in der Gestaltung zu suchen.

Wenn im Gestaltungsalltag das Feedback offenbart, dass das Konzept nicht wie gewünscht wirkt, kann ein Konflikt zwischen dem eigenen Selbstbild als kompetentem Designer oder kompetenter Designerin und der unerfreulichen Realität entstehen. Diese Dynamik erklärt, warum die Versuchung groß ist, die Ergebnisse selbstdienlich zu interpretieren: ‚Die Nutzenden haben das Design nicht verstanden.‘ Dabei wäre es sicher aussichtsvoller, das eigene Konzept zu überdenken.

Im Designkontext zeigt sich oft, dass Designer oder Designerinnen im Laufe eines kreativen Prozesses zu ihrem ersten Entwurf zurückkommen. Obwohl sie verschiedene Varianten entwickelt und durchdacht haben, erscheint ihnen die ursprüngliche Idee am Ende doch am besten. Das kann womöglich mit der Ankerheuristik zusammenhängen, denn alle nachfolgenden Varianten werden unterbewusst am ersten Konzept gemessen – selbst wenn geeignetere Lösungen entwickelt wurden. Feedbackrunden können helfen, eine unabhängige Perspektive einzunehmen und sich von der Ankerheuristik zu lösen.
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